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Katarina, Judith und Sophia, Albrecht-Strohschein-Schule, Oberursel.

Katarina, Judith und Sophia, Albrecht-Strohschein-Schule, Oberursel.

Lernen mit allen Sinnen

Besondere Bedürfnisse benötigen eine besondere Förderung. Die Albrecht-Strohschein-Schule in Oberursel nimmt sich dieser Bedürfnisse mit allen Sinnen an.

Individuelle Förderung hat in der Albrecht-Strohschein-Schule oberste Priorität. Wie in den meisten Bildungseinrichtungen steht für die 6 bis 19-Jährigen auch hier Rechnen und Deutsch auf dem Stundenplan – allerdings mit einem Unterschied: An dieser Schule unterrichten die Lehrer 135 junge Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen.

Mit allen Sinnen dabei

„Wir zeigen nicht nur etwas in einem Lehrbuch, sondern machen es mit möglichst vielen Sinnen erfahrbar“, erklärt der Schulleiter Pascal Decang (50) den anthroposophischen Ansatz der Schule. So bauen seine Schützlinge in Geometrie Dreiecke und Pyramiden aus Stöcken. Im Werkunterricht lernen sie das Zählen an den Seiten verschieden geformter Holzstücke. Vorgänge in der Natur verfolgen die Kinder ganz nah mit: Im Schulgarten säen sie Körner, ziehen sie auf und verarbeiten dann das Getreide in der eigenen Brotmehlmühle. Decang sieht in der Schule einen Raum für geistige und emotionale Entwicklung. Nicht nur für die Schüler: „Hier geben wir. Wir fügen uns ein. Dafür bekommen wir unheimlich viel zurück“, so die Erfahrung des Schulleiters.

Sophia will Menschen unmittelbar helfen

Von dieser Erfahrung profitieren auch die Freiwilligen. Im Moment absolvieren drei junge Frauen ihr Soziales Jahr in der Förderschule. Die 19-jährige Sophia ist eine von ihnen. Für sie ist klar wofür sie das FSJ  macht: „Ich will Menschen helfen. Es freut mich, wenn ich eine Hilfeleistung geben kann“, sagt die Bad Homburgerin. Sophia hat sich schnell an die Arbeit mit behinderten Kindern gewöhnt. Durch ein Praktikum im Kindergarten und die Teilnahme am Schnuppertag in der Albrecht-Strohschein Schule ist ihr die Arbeit mit Menschen schon vorher vertraut gewesen. Dennoch lernt sie tagtäglich dazu. Ob morgens beim Empfang der Kinder an den Schulbussen, in der Küche oder beim Begleiten der Schüler im Unterricht – Beeindruckendes erlebt Sophia immer wieder: „Als ein Mädchen im Werkunterricht aufgeben wollte, habe ich mir viel Zeit für sie genommen und ihr Mut zugesprochen. Jetzt arbeitet sie schon ganz selbstständig“, schildert sie einen ihrer prägenden Momente. Erlebnisse wie diese bestärken Sophia darin, Ergotherapeutin zu werden. Obwohl ihr nicht alles immer leicht fällt: „Man muss lernen, mit manchen Kindern umzugehen, auch wenn sie kratzen und beißen“, reflektiert sie ihre Herausforderung. Gelernt hat Sophia aber schon mehr als das: „Ich bin hier geduldiger geworden.“ Ihr FSJ dauert noch drei Monate. Dann wird die Abiturientin gut vorbereitet in die Ausbildung gehen.

Katharina wird Förderschullehramt studieren

Etwas mehr als die Hälfte des FSJ hat auch Katharina schon hinter sich. Da sie in den Ferien anfing, war sie die ersten zwei Wochen in der Hauswirtschaft eingesetzt. „Dann kamen die Kinder. Ab da war ich mittendrin“, schildert die 20-Jährige. „Die Kinder konfrontieren einen sofort. Die sind da sehr schmerzfrei“, führt sie lächelnd aus. Katharina hat sich für das FSJ entschieden, weil durch die Aussetzung des Zivildienstes Stellen im sozialen Bereich weggefallen sind, der Bedarf nach Unterstützung aber bleibt. Für sie ist ihre Arbeit ein Gewinn: „Wenn du lieb zu den Kindern bist, sind sie lieb zu Dir“, verdeutlicht Katharina das soziale Miteinander. Zu Beginn empfand sie es als besondere Herausforderung, mit den Schülern allein zu sein und stets den Überblick zu bewahren. „Das musste ich erstmal lernen.“ Apropos lernen: Die 20-Jährige hat sich aufgrund ihrer Erfahrungen im FSJ entschlossen Förderschullehramt zu studieren. Maßgeblich trugen die Seminare zu dieser Entscheidung bei, die sie und die anderen Freiwilligen regelmäßig besuchen und selbst planen können. Die Teilnehmer setzen sich in den Seminaren mit gesellschaftlichen Themen auseinander, lernen sich selbst und die anderen kennen und nutzen die Zeit zur Entspannung. Bildungstage zum Thema Deeskalation und Rhetorik runden das Angebot ab.

Judith gewinnt mit dem FSJ mehr Selbstvertrauen

Die FSJlerin Judith ist auf die Einrichtung in Oberursel durch ein Sozialpraktikum einer Waldorfschule in Frankfurt gekommen. Judith hat mittlerweile alle Bereiche der Förderschule kennengelernt. Im Moment wirkt sie vor allem im Sport mit, hilft aber auch in der Küche und in der Handarbeit. „Inzwischen habe ich auch Schüler fest zugeteilt bekommen. Vor allem in Handarbeit“, beschreibt die 20-Jährige ihr Tätigkeitsfeld. Nach dem FSJ will sie Grundschullehramt studieren. Dazu bekräftigen sie auch die Erfahrungen, die sie in der Förderschule gemacht hat: „Schöne Momente sind, wenn etwas alleine klappt, was vorher nicht geklappt hat, oder wenn verschlossene Schüler anfangen zu reden.“ Das bestärkt nicht nur die Schüler. „Ich hab mir vorher vieles überhaupt nicht zugetraut. Dann war ich einen Tag in der Schule und dann ging es“, schildert Judith ihren eigenen Lerneffekt. Dieses Vertrauen gibt sie gern den Kindern zurück. „Auch wenn ich schneller an einen Stift rankomme, für die Kinder ist es wichtig ihn selbst zu greifen.“ Für Judith ist das Freiwillige Soziale Jahr eine gute Vorbereitung auf den Beruf als Lehrerin. Trotzdem findet sie, dass ein FSJ auch für andere gewinnbringend ist. „Ich würde es auf jeden Fall weiter empfehlen, weil man einfach mal raus kommt und Abstand gewinnt. Ich habe mich selbst anders kennen gelernt.“

Freiwillige können ihre Stärken individuell einbringen

Sich selbst besser kennenlernen. Das gilt in der Albrecht-Strohschein-Schule für Schüler und Mitarbeiter zugleich. Die Freiwilligendienste können hier so individuell aussehen wie die Biografien der Teilnehmer. „Jeder kann im Grunde nach seinen Interessen eingesetzt werden“, erklärt Pascal Decang, der gelernter Bühnenbildner ist. Zusammen mit einer Kunststudentin, die hier einen Bundesfreiwilligendienst leistete, inszenierte er Stücke von Shakespeare mit den Schülern. „Es gibt jede Menge zu tun und Wünsche werden berücksichtigt“, konkretisiert Decang. Die Arbeit mit Erstklässlern kann ebenso ein Schwerpunkt sein wie Sport, Musik oder Tätigkeiten in der Gärtnerei. Wichtig ist für die Absolventen eines FSJ oder BFD in der Förderschule vor allem Offenheit, Verbindlichkeit und Toleranz. „Für die jungen Leute ist es ein Lernprozess, sich auf die verschiedenen Situationen einzulassen: In der Werkstatt verletzt sich wer, es gibt epileptische Anfälle, oder es muss zum fünften Mal am Tag die Hose gewechselt werden. Es gibt so viele unterschiedliche Dinge an einem Tag, und die Offenheit damit umzugehen wünsche ich mir“, fasst Pascal Decang die Anforderungen zusammen.

Immer ein Schuljahr lang dauert das FSJ in der Albrecht-Strohschein-Schule. Der Bundesfreiwilligendienst kann flexibler geplant werden. Sechs bis sieben Plätze bietet die Einrichtung. Schüler, aber auch Lehrer und Freiwillige haben dabei ein gemeinsames Ziel: „Werkzeuge entwickeln, um anderen und auch sich selbst zu helfen.“

von Dominik Steiner